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Rost überall ...

… sogar im Café. Nein, natürlich wurde der Cappuccino nicht mit rostigen Löffeln serviert. Aber beim SiC schlug plötzlich jemand das Stichwort "Rost" vor - und ich war es nicht! Nanu?  Färbt der denn ab, ist so was ansteckend? Ich selbst habe ja in letzter Zeit fast nur noch Rost im Kopf. Aber nein, natürlich hatte ich vorher die Einladungskarten für meine Ausstellung verteilt, und deshalb schrieben nun auch die anderen zu meinem Thema - spannend wieder mal, wie unterschiedlich das ist, was den verschiedenen Schreibenden zu dem gemeinsamen Impuls einfällt. 

Sylvia Röhsler: 

Es ist Rost, sagt der Realist.

Es ist ein Sonnenuntergang, sagt der Romantiker.

Es ist eine Last, sagt der Besitzer.

Es ist eine Schande, sagt der Nachbar.

Es ist Chemie, sagt der Lehrer.

Es ist eklig, sagt der Hygiene-Freak.

Es ist hässlich, sagt der Ästhet.

Es ist gefährlich, sagt der Arzt.

Es ist alt, sagt die Geliftete.

Es ist schmutzig, sagt die Hausfrau.

Es ist Arbeit für mich, sagt der Handwerker.

Es ist der Gang aller Dinge, sagt der Spirituelle.

Es ist bunt, sagt das Kind.

Es ist Kunst, sagt die Fotografin.

Es ist schön, sage ich.

 

Kirsten Levene:

Alte Liebe rostet nicht. Von wegen! Gabriele starrte Volker unhöflich lange an und fühlte – nichts. Oh Gott, war er alt geworden. Und das Schlimmste – in genau diesem Moment dachte er vermutlich genau das Gleiche von ihr. Es war ein Fehler gewesen, sich zu treffen. Hier in „ihrem“ alten Café.

Volker bemühte sich um Smalltalk, oder das, was er dafür hielt. Er sprach über all die Dinge, die er gemacht hatte: ein Haus gebaut, geheiratet, vier Kinder. Gabriele fühlte sich wie in der Sparkassenwerbung. Er hatte sich in dieser Hinsicht überhaupt nicht verändert.

„Und du so?“

Gabriele traute ihren Ohren nicht. Das war neu! Sie spulte ab.

Studium, Promotion, Heirat, zwei Kinder, Professur. Nur zu einem eigenen Haus hatte sie es nicht gebracht, wo denn auch? Zürich oder Sydney oder Osnabrück?

Volker starrte sie an.

„Und jetzt?“

„Mann weg, Kinder ausgezogen, Professur noch da.“ Es klang verbitterter als sie es klingen lassen wollte.

Volker sagte nichts. Eigentlich war er ganz nett. Sie versuchten, sich an „ihre“ zeit zu erinnern. Seine 200,- DM-Autos, damals Rostlauben genannt. Das Knutschen in seinem asbestverseuchten Jugendzimmer. Gabriele musste kichern und Volker schmunzelte. Seine Grübchen waren noch da. Sie hätte

es schlechter treffen können, damals. Das wurde ihr plötzlich klar. Und das mit dem Asbest hatte sie ja nicht gewusst.

Sie plauderten noch ein bisschen. Über die Kinder, über Autos – inzwischen fuhr Volker keine Rostlauben mehr. Über den Beruf.

Als Gabriele am Abend heimkam, fiel ihr auf, dass sie kein bisschen über Krankheiten gesprochen hatten. Vielleicht sollten sie sich doch einmal wiedersehen?

 

Mechthild Paul: 

Lieber eine Rostlaube als eine Wohnung im Wohnsilo Marke Plattenbau, eine Wohnung, in einem Haus mit 200 Briefkästen, in einem Gebäude identisch mit 20 weiteren der Art im selben Kiez. 

Also suchen, suchen, im Internet, in Annoncen. Im Moment gibt es auf dem Land, bedingt durch Abwanderung oder Generationenwechsel Rostlauben en masse. Denkt bloß nicht die wären erschwinglich. Einer pries sie als Liebhaberstück an, wobei mich ein rostiger Liebhaber nicht unbedingt anmachen würde. 

Ein Anderer pries in seiner Annonce in Anspielung an slow food sein Objekt mit slow down – live simple – enjoy an. 

Na ja, simple leben klingt doch gut wenn die Lage idyllisch am Waldrand, mit großem Garten und Streuobstwiesen ist. Da kann man doch so viel Natur auch in einer Rostlaube genießen. 

Mein Bruder nannte das Objekt einen Hasenstall mit Aussicht, oder, man könnte daraus auch eine Hundehütte mit Vorhängchen machen. 

Aller Spott vergebens, simpel zu leben war das Ziel, sich von allem Überflüssigen zu trennen war angesagt. Mein Leben, mein Reich entrosten. 

Das zog sich und zog sich, Arbeit genug, in Etappen, den Finanzen geschuldet. Zunächst mal nur einen Raum bewohnbar machen, mit allem was ein Mensch nun mal braucht, ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, Wasser und eine Tür. 

Heute nennt man so etwas ein tiny home, das klingt modern, ist aber auch meist schon modern konzipiert. 

Rost und Rost und nochmal Rost – eine quietschende Tür, viele rostige Schlüssel in Riesenformat, ein rostiger Ofen mit rostigem Rohr, eine rostige Wasserleitung – das Entrosten nahm kein Ende. 

Dafür spürte ich, was medizinisch benannt Arthrose oder Rheuma heißt, den Rost am eigenen Leib. Simpel leben verlangt eine Menge Opfer und Verzicht. 

Vielleicht doch lieber Plattenbau und Ohropax. Alles rostfrei.

 

Heike Jung: 

Mir fallen gleich die ersten Jahre in unserem eigenen Haus im Reutlinger Stadtteil Hohbuch ein. Wir waren junge Eltern und hatten ein Nest für unsere künftigen Sprösslinge gebaut.

Unsere älteste Tochter war genau ein Jahr alt, als wir dort einzogen, in ein Reihenhaus mit sechs Zimmern und halbgeschossig versetztem Treppensystem, hell und freundlich. Wir fühlten uns von Anfang an sehr wohl in unseren vier Wänden. Nur wenn wir die Wasserhähne aufdrehten, lief uns zuweilen eine dicke rote Rostbrühe entgegen, sodass wir minutenlang voll aufdrehen mussten, um den abgelagerten Satz aus den Rohren zu spülen. 

Wir gewöhnten uns aber daran und kauften das Trinkwasser stattdessen in den heute so verpöhnten PET-Flaschen im nahegelegenen Supermarkt. Unser Stadtteil beziehe halt Mischwasser aus Bodensee und Honauer Quelle, hieß es! Man könne nichts dagegen machen. OK, es ging ja allen Nachbarn gleich - oder doch nicht? 

Als wir einmal nach einem Wochenendbesuch heimkamen, stand der ganze Wäschekeller unter Wasser und aus einer haarfeinen Schadstelle im Kupferrohr der Warmwasserleitung zischte und sprühte weiterhin ein Tropfennebel, den erst der Flaschner-Notdienst stoppen konnte. 

Das gleiche Desaster widerfuhr uns anschließend noch mehrmals, in regelmäßigen Abständen, bis  

endlich ein Schreiben unserer zuständigen Leitungswasser- und Hausratversicherung eintraf. Sie sei nicht gewillt, unser gesamtes Rohrsystem zu renovieren, sondern man legte uns nahe, bei jedem Schadensfall einen happigen Eigenbetrag zu entrichten oder den Versicherer zu wechseln. 

Wir waren empört – wozu hat man schließlich eine Versicherung?? 

Doch wir fügten uns…  

Ja, das Kapitel Rost und Lochfraß in den Rohren verfolgte uns immer wieder, bis zu dem Tag, an dem wir erfuhren, dass unsere Baufirma seinerzeit billigstes Rohrmaterial aus Tschechien bezogen hatte. Dieses hatte sie zum Vertuschen des Mangels gezielt in nur jeweils einem Reihenhaus von vier aneinandergereihten Objekten verarbeitet, bei insgesamt 50 Reihenhäusern. 

Als das öffentlich wurde, war es mit den Garantieansprüchen natürlich schon vorbei… 

Aber irgendwann hatte der Spuk ein Ende, von ganz allein. 

Nach insgesamt neun Rohrbrüchen bei uns und dreizehn in einem der Nachbarhäuser war Ruhe und man konnte aufatmen. 

Heute wohne ich als Ruheständlerin allein in meinem Haus und das Kapitel Rost spielt keine Rolle mehr, höchstens bei mir selbst - in meinen altersbedingten Arthrosegelenken!! 

 

Martin Sowa: 

"Hey Torwache! Macht euch an die Seilwinde und lasst die Zugbrücke herunter! Unser hellhöriger Späher hat ein geheimnisvolles Knirschen und Knacken gehört. Ritter Rost scheint mit Gefolge auf dem Weg zur Burg zu sein. Der Späher hat die Ankunftszeit auf etwa 15 Minuten berechnet. Es scheinen mehrere Ritter zu sein, denn es sind diverse Schleif-, Schab-, Knirsch- und Knacktöne zu hören."
Sofort machten sich die beiden Torwächter an die Arbeit und betätigten die schon lange nicht mehr heruntergelassene Zugbrücke. Auch hier waren an der Kurbel Geräusche zu hören, die unschwer darauf hindeuteten, dass die Witterungsbedingungen der letzten Tage und Wochen dazu geführt hatten, dass sich Rost über die Kettenglieder gelegt hatte.  

Ein Tongemisch, hervorgerufen aus abgehackten Drehbewegungen, vereinte sich mit dem harten Aneinanderreiben von rostigen Rüstungsteilen, bedingt durch die auf den Pferderücken ankommende Reiterschar.
Der Ausrufer wandte sich nach hinten: "Ruft den Schmied herbei, dass er mit den Ölkannen vorbeikomme, um unseren Besuch aus den Rüstungen zu befreien."
5 Minuten später überquerten 7 Reiter die Zugbrücke. Über ihre Rüstungen hatte sich eine Patina aus rotbraunem Rost wie eine zweite Haut gelegt und die Scharniere der Kampfkleidung fest verschlossen. 

Sofort eilten 14 Knechte herbei, um die Ritter von ihren Pferden zu heben.
Der Burgschmied gab reichlich Öl auf die eisernen Anzüge, welche sich allerdings nicht mehr öffnen ließen.
"Wie haben die das nur ausgehalten? ", hörte der Schmied jemanden hinter sich sagen.  

"Die müssen doch auch mal auf den Donnerbalken."
Der Schmied zuckte mit den Schultern und verlangte nach Brecheisen und Säge.
In der Zwischenzeit hatte die Burgmalerin ihre Staffelei aufgebaut, um die gesamte Befreiungsaktion auf Leinwand festzuhalten.
Ein Sägen, Hämmern und Knirschen war im gesamten Burghof zu hören. Dann endlich war es so weit. Glücklich lächelnd standen Ritter Rost und mit ihm seine sechs Begleiter befreit am Burggraben.
"Habt herzlichen Dank für eure Hilfe", wandte er sich an den Burgherrn.
"Nichts für ungut Ritter Rost. Seid unser Gast, solange es Eure Zeit erlaubt. Unsere Burgmalerin hat alles auf mehreren Leinwänden fixiert. Und wir möchten eine Ausstellung mit den Bildern eurer Befreiungsaktion zu eurer Ankunft veranstalten. Es wäre mir eine große Ehre, Ritter Rost, wenn Ihr die Vernissage mit einer Rede eröffnen würdet." 

 

Lena Herdtfelder-Schuon:

wer rastet der rostet

ich will rasten

nicht mehr rasen

auch nicht denken,

dass nur saßen

alte leute auf der bank

oder solche die schwer krank.

 

ich will rasten

und nicht rosten

will die augenblicke kosten

einfach in den himmel schauen

oder mal ein luftschloss bauen

meine füße baumeln lassen

leeren manche Kaffeetassen

in die politik mich mischen

schweigend an den stammtisch-tischen

denn die rast, so denk ich mir,

geht nicht einfach nur mit bier.

 

könnt ich rasten und rost lieben?

denn, hätt man den weggemacht,

wäre manches eingekracht.

 

langsam ist die zeit des rosts

eigentlich ein guter trost,

wie mir scheint, denn ja, er passt,

hab ihm dies gedicht verfasst.

 

rasten – rosten, beides ich,

schau dabei in mein gesicht,

langsam deutlich schön und klar

wandert rost vom fuß bis haar,

zieht die linien lässt sich zeit

ja, ich bin dazu bereit.

 

Heidemarie Köhler: 

Sah urig aus irgendwie, so Vintage, antik, im angesagten Shabby Chic, das olle Bügeleisen beim Schwiegervater auf dem Speicher. Ein echtes Fundstück! Sie traute sich kaum zu fragen, woher denn das … und ob sie nicht … Das müsse wohl noch von der Großmutter von Elsa sein, sagte Heinz. Und warum seine Frau das aufgehoben … Er zuckte die Achseln. Nö, er brauche das nicht, sagte er, das komme jetzt weg. Aber …, fragte sie. Ja klar, sie könne es haben, wenn er auch nicht verstehe, was sie mit so was … Ihr Schwiegervater hatte überhaupt kein Stilempfinden. Und leider kam Rainer in der Hinsicht ganz nach seinem Vater: Bloß weg damit, das Haus ist voll genug, was willst du mit dem Müll? Müll, sagte sie, na hör mal, der ist doch schön, der alte Gegenstand, der hat doch einen Wert, und wenn das Eisen auch nicht mehr bügelt … Braucht es ja auch nicht, sagte Rainer, weil deine Dampfbügelstation das sowieso viel besser macht. Du willst das bloß zum Rumstehen, oder? Noch so ein Schnickschnack. Das ist mein Briefbeschwerer!, sagte sie schnell.  

Dass nun, verdammt nochmal!, die beiden Skeptiker doch recht behalten mussten! Nutzloses, blödes, sogar schädliches Ding. Sie würde noch mal ganz von vorn anfangen müssen, das Formular wieder besorgen, zu Hinz und Kunz und auf die Ämter laufen für die Unterschriften und müsste die beglaubigen lassen – denn nein, so mit dem Rostfleck konnte sie den Antrag ja nicht einreichen. Wie sah denn das aus, asozial! Vermaledeites altes Ding – warum hatte Elsa so was nur aufbewahren müssen. Und sie war darauf reingefallen, auf diesen angeblichen Charme. Blödsinn! Das alte Eisen hätte auf dem Speicher zerbröseln sollen, hätte sich auflösen, zu Staub zerfallen sollen, einfach verschwinden – weg. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    e.wittke@web.de (Montag, 04 November 2019 23:27)

    So ne ganz dolle Überraschung kann der Impuls ja nicht gewesen sein. Welche guten, spannenden, witzigen, besinnlichen Texte wieder in der Café-Runde … Wir sehen uns auf dem Podest an den Fotos der Korrosionsprodukte.

  • #2

    Heide (Mittwoch, 06 November 2019 16:44)

    Und vielleicht fallen uns ja dann noch mehr rostige Wörter ein.