Erinnerung

Einer von den Zwillingen ist nett, der andere, der sollte lieber nicht dabei sein. Aber neulich ist nur der Nette da gewesen und der kommt vielleicht heute auch allein? Sie muss lachen, wenn sie daran denkt, dass sie vor ein paar Wochen noch für Winnetou geschwärmt hat. Ihre große Liebe, dachte sie, aber der ist ja nur eine Buchfigur, den gibt es gar nicht und dieser Pierre Brice in den Filmen, nein, der ist nicht ihr Indianerhäuptling, nie gewesen. Aber der Buch-Winnetou, der schon … und wie! Bis sie in diese Jugendgruppe ging, einmal im Monat. Und bis der eine von den Zwillingen so guckte und dann weg. Und seitdem immer wieder. Und seitdem weiß sie, dass es doch ganz was anderes ist, einen echten Menschen zu lieben. Da steht schon ein Grüppchen vor dem Gemeindehaus, und tatsächlich, einer von den Zwillingen ist da in seinem dicken Wollpullover. Dass sie auch immer gleich angezogen sind, so dass sie die beiden gar nicht unterscheiden kann. Auf die Entfernung nicht. In der Nähe, da merkt sie es sofort. Der nicht Nette, wie der seine Augen verdreht, den Kopf schief hält, den Mund verzieht, wenn er sie anguckt. Kann ihm sein Bruder nicht mal sagen, dass sie in Ordnung ist? Jedenfalls nicht so doof, wie er tut? Sie verlangsamt ihren Schritt, sie hat schon eine Blase am Zeh, warum musste sie auch die neuen, spitzen Schuhe anziehen. Schick sehen die ja aus, aber zum Laufen … Es gucken schon alle, wie sie daher stakst. Nur nicht stolpern! Welcher der Zwillinge ist es? Kann ihr doch egal sein, wie sie humpelt, wenn es der andere ist. Aber nein, es ist nicht nur der andere, beide sind da. Und heute sieht sie schon von weiter her, wer wer ist. Der eine grinst so, der andere stößt ihn an, ob er jetzt mal was sagt zu dem? Sie muss so tun, als bemerkte sie die beiden gar nicht, jedenfalls solange der nicht Nette noch her guckt. Einen Fuß vor den anderen und auf die Gruppe zu und dran vorbei, zur Tür. Die steht zum Glück schon offen. Ihre Absätze klappern auf den Steinen, bloß nicht noch in einer Ritze hängenbleiben! Ins Haus, geschafft, die Treppe hoch. Gut, dass heute Besuch kommt, da reden sie gar nicht miteinander, sondern der Schauspieler erzählt was. Dann ist es nicht so blöd, wenn sie sich nicht traut, den Mund aufzumachen. Sie waren ja neulich zusammen im Theater, „Hamlet“ haben sie gesehen, da ist sie in ihrem schicken Trägerrock gegangen, mit der Chiffonbluse. Da hat sie noch die alten Schuhe angehabt, die abgelatschten, aber in denen konnte sie laufen. Sie will ja auch mal Schauspielerin werden. So wie die im Rampenlicht und sich was trauen. Und keiner findet die blöd, wenn sie laut werden oder sich albern benehmen oder so. Die dürfen alles sagen und die Leute hören zu und klatschen nachher noch, weil, wenn die das auf der Bühne machen, ist es Kunst. Das will sie lernen. Toll also, dass der Schauspieler kommt und ihnen was vom Theater erzählt. Der Vikar hat ihn eingeladen, er kennt ihn persönlich aus der Zeit vom Jungen Theater in Göttingen, sagt er, und deshalb kommt der heute. Sie haben sogar das Kaminfeuer angezündet für den Besuch. Er sitzt schon da und redet mit dem Vikar. Sie bleibt an der Tür stehen, sie will ja nicht stören. Der Vikar nickt ihr zu und deutet auf den Stuhlkreis, ist ja schon alles aufgebaut. Sie setzt sich in die Nähe des Kamins. Oder ist das blöd? Die Zwillinge in ihren dicken Pullovern, die setzen sich doch eher weiter weg davon? Jetzt kann sie aber nicht mehr wechseln. Der Raum füllt sich, die Zwillinge sitzen tatsächlich ganz auf der anderen Seite. Es gibt Punsch, alkoholischen sogar. Heute ist alles besonderer als sonst. Und der Schauspieler erzählt, von der Probenarbeit, vom Stückelesen. Von Shakespeare spricht er, von Schiller. Er ist so klug, aber er lässt Leute reden, fragen. Sie kommen ins Gespräch, hin und her. Sie reden über alles. Jemand erwähnt die Beatles. Geräusche, sagt einer. Musik!, sagt der Schauspieler. Sie reden und reden und auch von Politik, davon hat sie keine Ahnung. Der Schauspieler schon. Muss man so viel wissen, wenn man am Theater arbeitet? Sie kann fragen, was sie will, und das tut sie. Er antwortet auf alles. Dann fragt jemand anders etwas, aber der Schauspieler antwortet und redet dabei weiter zu ihr. Er hat gar nicht gemerkt, dass es jemand anders war. Als schließlich die ersten gehen, kommt einer von ihnen zurück in den Saal. Ihr Vater stehe schon unten, wo denn die Tochter bleibe? Es ist spät. Ja, dieses Theatervolk!, sagt der Schauspieler und zwinkert ihr zu, gibt ihr die Hand, sagt Gute Nacht. Sie geht neben dem Vater nach Hause. Die Zwillinge gibt es gar nicht mehr.

Der Schauspieler war Bruno Ganz, dessen Arbeit ich damals am Bremer Theater, dann an der Schaubühne in Berlin und später im Film immer bewundert habe.

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Weiß und Fragen

Die Objekte von Barbara Wünsche-Kehle, die sie bei Osiander ausstellt, werfen bei mir Fragen auf:

Zwillinge eineiig ungleich / negativ positiv / wo ist das zweite Ei?

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Weiß auf Weiß

Das Gewölbe bei Osiander Reutlingen bildet den perfekten Rahmen für die Objekte von Barbara Wünsche-Kehle, die sie dort noch bis zum 23. Februar ausstellt.

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tree is ...

Verfärbungen an einer alten dänischen Mauer und ein Spruch, den ich Gertrude Stein nachempfunden habe, sind dieses Jahr mein elektronischer Weihnachtsgruß. 

Merry Christmas and a Happy New Year!

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Federlesen

Nicht viel Federlesens? Doch! 

Zum Schreiben im Café brachte ich im Dezember Papierfedern aus alten Buchseiten mit, die wir als Schreibimpuls benutzten. Mein Text:

Da steht zum Beispiel: „Sind viele Fremde dort?“  „Bis jetzt sind glücklicherweise“ – weiter kann ich nicht lesen, mehr will ich gar nicht wissen. Fremde als Stichwort, Fremde als Reizwort: Fremde, die aus einer unbekannten, weit entfernten Fremde kommen, hm, naja, da will man erstmal freundlich sein, man ist ja kein … und andererseits: „Sind viele …“, lautete die Frage. Denn wenn’s nur wenige sind, dann hat man kein Problem damit, dann geht das in der Masse unter, dann fällt das nicht so auf und ist nicht so bedrohlich. Aber viele? Wann fängt das „viele“ an? Bei 3, 10, 87 oder 1000?

Die Fremde allerdings, aus der die vielen Fremden kommen, besucht man doch ganz gern – da fliegt man ein und lernt ein bisschen was davon kennen, die fremde Küche, exotische Gewürze, an Ort und Stelle dort nicht so mehr oder weniger dem hiesigen Gaumen angepasst. Fremder eben, besonders. Und das fremde Wetter, die Landschaft – na, deshalb fährt man ja hin, hauptsächlich, oder? Blaue Himmel und Palmen oder Felsen, Steine, Wüste, oder fast undurchdringliche Wälder, ein bisschen zugänglich gemacht, gerade so viel, wie es gefällt. Die Fremde als Paket und all-inclusive, manchmal sogar die eine oder andere halbwegs echte Begegnung mit den Fremden, die dort nicht fremd sind. Die dich willkommen heißen, wenn du dein Geld mitbringst, oder, so fragst du dich, weil du es mitbringst? Und es ausgibst für ihre fremden Gegenstände, Teppiche, Schalen, Masken, du kaufst so viel, wie du gerade noch unterbringen kannst in deinem Koffer, oder was ganz Besonderes und Großes lässt du auch manchmal schicken. Dann fliegst du wieder nach Hause und da umgibst du dich mit diesem Bisschen globalen Charmes, das du erworben hast, und grüßt vielleicht den türkischen Gemüsehändler – oder ist er Kurde? – du grüßt ihn dann mal extra freundlich, für eine Weile.

„Der Weg ist übrigens nicht zu ver“, steht auch noch auf der Feder. Nicht zu verfehlen, der Weg, soll das wahrscheinlich heißen. Aber welcher? Wohin? 

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